Der Weg an der Mistel

Der Weg an der Mistel – eine zukunftsfähige Lösung für den Radverkehr?

Der Weg an der Mistel ist kein Radweg, wie oft zu hören bzw. zu lesen ist, sondern ein sogenannter Mischweg, d.h. Fahrradfahrende teilen sich den Weg mit Zu Fuß Gehenden (häufig mit Rollator/Hund/Kinderwagen), Personen im Rollstuhl und auf E-Scootern etc.

Wissenswertes zu Mischwegen:

„Grundsätzlich ist eine gemeinsame Geh- und Radwegführung nur dann in Erwägung zu ziehen, wenn eine vertretbare Alternative der Radverkehrsführung (Radweg, Radfahrstreifen, Schutzstreifen, Mischverkehr auf der Fahrbahn) nicht möglich ist (EFA, 3.1.2.5)“. (Quelle: Fachwebsite des Fuss e.V.)

Auf den Weg an der Mistel als Dauerlösung für den Radverkehr hinzuweisen, ist demnach insofern nicht angebracht, weil sehr wohl eine vertretbare Alternative der Radwegeführung möglich wäre – nämlich auf Erlanger und Bismarckstraße gemäß der bekannten Planung. Mischverkehr auf der Fahrbahn ist im Falle der beiden Bundesstraßen jedoch nicht vertretbar, da zu gefährlich (siehe dazu unsere Interviews mit Fahrradfahrenden).

„Bei den schmalsten Gemeinsamen Geh- und Radwegen (2,5 m Nutzbreite zuzüglich Sicherheitstrennstreifen) darf das stündliche Gesamtaufkommen im Fuß- und Radverkehr 70 Personen bzw. ca. 25 Fahrräder nicht überschreiten, bei breiteren Flächen (ab 4,0 m) ist jeweils ungefähr die doppelte Anzahl akzeptabel (maximal 150 Personen bzw. 50 Fahrräder (RASt, Tab. 27)“. (Quelle: Fachwebsite des Fuss e.V.)

Der Weg an der Mistel hat eine sehr unterschiedlich Breite. An der schmalsten Stelle misst er gerade einmal etwa 1,5 Meter (auf Höhe des Glenk-Biergartens). Zwischen Carl-Burger-Straße und Austraße ist er ca. 3 Meter breit.

In letzterem Abschnitt haben wir eine kleine Reihe von nicht repräsentativen Verkehrszählungen vorgenommen. Als Referenzwerte haben wir einen Mittelwert der oben zitierten Zahlen des stündlichen Verkehrsaufkommens genommen, da der Weg hier auch eine mittlere Breite (ca. 3 Meter) aufweist. Damit ergibt sich für das Verkehrsaufkommen ein Referenzwert von 110 Personen bzw. 37 Fahrräder pro Stunde, die vertretbar wären.

1. Zählung am Mistelweg, Samstag, 7. September 2024, 13:50-14:10 Uhr (20 Minuten), Sonnenschein, sommerliche Temperaturen:

74 Fahrräder, davon 1 Tandem mit 2 Personen

29 Fußgänger*innen

2 E-Roller (1×1 Person, 1×2 Personen)

Also 107 Personen und 74 Fahrräder in 20 Minuten

Hochgerechnet auf 1 Stunde: ca. 321 Personen und ca. 222 Fahrräder

Die Personenanzahl überstieg im Zeitraum der Zählung den akzeptablen Wert von 110 Personen laut technischem Regelwerk (siehe oben) also um knapp 192%, die Anzahl der Fahrräder (akzeptabel 37) sogar um über 500%.

2. Zählung am Mistelweg, Donnerstag, 7. November 2024, 08:30-09:00 Uhr (30 Minuten), bewölkt, kalte Temperaturen:

42 Fahrräder

45 Fußgänger*innen, davon 2 mit Kinderwagen, 1 mit Hund, 1 im E-Rollstuhl, 1 Jogger

1 E-Roller mit 1 Person

1 Auto (fährt aus Ausfahrt raus und quert dabei kurz den Mistelweg)

Also 89 Personen und 42 Fahrräder

Hochgerechnet auf 1 Stunde: 178 Personen und 84 Fahrräder

Die Personenanzahl überstieg im Zeitraum der Zählung den akzeptablen Wert von 110 Personen laut technischem Regelwerk (siehe oben) also um knapp 62%, die Anzahl der Fahrräder (akzeptabel 37) um etwa 127%.

3. Zählung am Mistelweg, Mittwoch, 11. November 2024, 15:32-16:02 Uhr (30 Minuten), winterliche Temperatur, leichter Regen:

45 Fahrräder, davon 2 mit Anhänger mit Kind (sichtbar)

43 Fußgänger*innen, davon: 5 mit Kinderwagen, 3 mit Hund, 3 Jogger

2 E-Roller (1×1 Person, 1×2 Personen)

Also 93 Personen und 45 Fahrräder

Hochgerechnet auf 1 Stunde: 186 Personen und 90 Fahrräder

Die Personenanzahl überstieg im Zeitraum der Zählung den akzeptablen Wert von 110 Personen laut technischem Regelwerk (siehe oben) also um etwa 69%, die Anzahl der Fahrräder (akzeptabel 37) um etwa 143%.

Fazit:

Der Mistelweg ist keinesfalls eine zukunftsfähige Lösung. Schon jetzt ist er stark bis sehr stark überlastet und entspricht somit nicht annähernd dem technischen Regelwerk. Selbst bei kaltem, regnerischem Wetter ist die Überlastung deutlich erkennbar. In den Jahren 2023 und 2024 gab es laut Unfall-Atlas (Quelle: https://unfallatlas.statistikportal.de/) auf dem Weg zwischen dem Y-Haus und dem dem Rotmaincenter insgesamt zehn Unfälle mit Personenschaden. Und das sind nur die dort registrierten Unfälle, die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Für die Zukunft ist außerdem damit zu rechnen, dass der Radverkehr weiter zunehmen wird. Wie die Planung der Verkehrsumgestaltung mit der Einspurigkeit für den Kfz-Verkehr in Erlanger und Bismarckstraße zeigt, wäre es zudem durchaus möglich, eine für alle vertretbare Alternative zu schaffen.

Hinzukommt, dass der Weg an der Mistel in bestimmten Situationen keine praktikable Lösung ist. So ist er bei winterlichen Bedingungen nicht sicher nutzbar. Bei Dunkelheit ist die Beleuchtung unzureichend und für Radfahrende, die z.B. von der Innenstadt in die Erlanger und Bismarckstraße oder deren Seitenstraßen gelangen wollen, eignet er sich überdies nicht.